Herman Rechberger (geb.1947) ist eine aussergewöhnliche Figur im finnischen Musikleben. Er wurde in Österreich geboren und studierte das graphische Gewerbe und Gitarre in seiner Heimatstadt Linz, in Zürich und Brüssel, bevor er 1970 in seine jetzige Wahlheimat Finnland übersiedelte, wo er an der Sibelius Akademie Komposition, Gitarre, elektronische Musik, Blockflöte und Oboe studierte. Seitdem hat er sich sowohl als Komponist als auch als Interpret einen Namen geschaffen. Diese gepackte Biographie zeugt an sich schon von einer Person, deren Talent sich auf vielen Gebieten äussert und deren Ideenreichtum in viele Richtungen offen steht. In seiner Vielfältigkeit könnte man Rechberger fast als eine zeitgenössischen Renaissancefigur bezeichnen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Musik dieser Zeitepoche, und deren Kultur generell, ihm eine umfangreiche Inspirationsquelle bietet. Er ist jedoch auch zuhause in jeder Ära und kombiniert oft Elemente verschiedenster Zeitepochen in seinen Werken. Rechberger fühlt sich auch wohl unter Jugendlichen und Kindern für die er eine Vielzahl von Kompositionen geschaffen hat. Rechberger bereist und erforscht unermüdlich neue Gebiete der Klangwelt- unermüdlich schon deshalb, weil sein Werkverzeichnis schon über 200 Titel aufweist. Als Komponiste taucht er lieber in den Geist des musikalischen Karnevels, statt sich als Philosoph in die Einsamkeit seines Elfenbeinturms zurückzuziehen. Trotzdem haben seine farbreichen, oft schwer im musikwissenschaftlichen Sinn zu klassifizierende Werke meditative oder artisane Dimensionen, deren semantischer Inhalt sich manchmal über das rein akustische hinausbewegt. In seinen Werken hat Rechberger mit fast allen Techniken gearbeitet, abgesehen vom Serialismus oder anderen mathematisch-konstruktiven Methoden, obwohl auch diese oder jene im minderen Masse in seinen Orchesterwerken zu finden sind. Aleatorik und Freiheit der Interpreten sind charakteristisch für seine Werke und äussern sich in vielfältiger Weise: Mobiltechnik (in der die Ausführenden ihren Part mehr oder weniger unabhängig voneinander ausführen) kontrollierte Improvisation, die Anwendung von unkonventioneller graphischer Notation (die der Komponist selbst als "piktographisches Konzept" bezeichnet) oder offene Formen. Die Freiheit der Wahl kann sich ebenfalls in der Instrumentation äussern, so z.B. Voyage (1982) für einen Solisten mit beliebigen Instrumenten und frei wählbares Ensemble. Rechberger baut seinen Kompositionen normalerweise nicht auf konventionelle dynamische Entwicklungen auf, sondern stützt sich mehr auf kontrastierende Klangfarben, Klangnetze und sogar Stle. Er nützt in reichen Masse die vorhandenen Methoden der Klangerzeugung und ergänzt sie mit jenen seiner eigenen Fantasie. Seine weitgehenden Studien der elektronischen Möglichkeiten äussern sich in seinen Kompositionen für Tonband allein oder Tonband als Partner eines Interpreten. Typisch für Rechbergers Musikschaffen sind die grenzensprengenden Übergänge von einem Kunstgenre zum anderen. Statt seine Werke mit aufgebrauchten Titeln wie "Sonate" oder "Symphonie" zu bezeichnen, zieht er es oft vor, sie mit visionären Namen zu taufen. In diesem Sinne sucht er oft seine aussermusikalischen Quellen bei dem berühmten flämischen Maler Hieronymus Bosch, der ihm z.B. die anfänglichen Impulse für seine Orchesterwerke "Himojen puutara" (Garten der Lüste, 1977), "La Tentation de Saint Antoine" (Die Versuchung des Hl. Antonius, 1994) und "La nave dei pazzi" (Das Narrenschiff), 1996) gegeben haben. Rechberger hat oft theatralische Elemente mit seiner Musik verwoben. Ein gutes Beispiel ist das radiophonische Werk "Pekka Mikkosen nousu" (Der Aufstieg des Willibald Schmitt, 1978) ausgezeichnet mit dem Spezialpreis des RAI beim Prix Italia Wettbewerb 1978. Pekka Mikkonen ist eine abenteuerliche Erzählung eines Kunstmalers der durch Zufall zum modernen Komponisten wird. Das Genre par excellance - die Oper als die Vermählung von Text und Musik - ist in Rechbergers Schaffen durch "Die Nonnen" (1985-1987), "Laurentius" (1993-1994) und "...nunc et semper..." (1997) vertreten. In den Nonnen besteht das Orchester aus frühen Instrumenten (es existiert auch eine Version für moderne Instrumente) und in Laurentius, das als Thema das Leben des Märtyrers aus dem 3.Jh. hat, sorgen vier Synthezizer für die archaischen Klänge frühchristlicher Musik, hin bis zu den fast rock-inspirierten Rhythmen der römischen Herrscher. Die St. Lorenz-Messe aus dem Jahre 1990 ist ebenfalls diesem Heiligen gewidmet. Im Gegensatz zur Oper enthält diese farbreiche Komposition wieder Elemente und Techniken aus der Musik des Mittelalters."..nunc et semper..." ist der erste Teil einer Trilogie, von drei Komponisten (Rechberger selbst, Kalevi Aho und Olli Kortekangas) geschaffenes abendfüllendes Bühnenwerk. Dies entstand als Auftragswerk der Operfestspiele in Savonlinna und erlebte im Jahre 2000 seine Uraufführung. Rechberger hat auch Opern für Kinder und Jugendliche geschrieben: "Zin Kibaru", nach einer afrikanischen Legende, "Der Wunschpunsch" nach einem Schauspiel von Michael Ende, "Der Hexensabbat" nach einem libretto von Ilpo Tiihonen, sowie "Das Opernschiff" nach dem Buch von Elke Heidenreich. In den Neunzigerjahren tritt eine neue Phase in Rechbergers Schaffen: Der Minimalismus. In seiner reinsten Form ist er in "Avanti!" (1992) für Kammerensemble zu spüren, aber auch in gewissen Stellen in "La nave dei pazzi" für Orchester und im Gitarrenkonzert "Golpe de corazon" (1992) sind minimalistische Elemente mit der für Rechberger so typischen Textur verwoben.Rechberger hat seitdem die Gitarrenliteratur um zwei weitere Konzerte bereichert: "Concierto floral" (1993) und "Concerto nordico" (1993). Der Einfluss der frühen Musik manifestiert in vielen Formen in Rechbergers Musik. Er hat, z.B. Werke für frühe Instrumente instrumentiert, Zitate aus früheren Epochen verwendet, Stile nachkomponiert, Kompositionstechniken aus der Renaissance und dem Mittelalter verarbeitet und mit neuen, modernistischen Klängen kombiniert. Er hat auch Musik aus der griechischen Antike realisiert und die älteste Oper der Musikgeschichte, Jacopo Peri's "Euridice" nach dem Generalbassoriginal instrumentiert. Von allen historischen Stilen ist die Renaissance Rechberger am nahesten, jedoch reist er auch in das Mittelalter (z.B. in seiner Oper "Die Nonnen"), untersucht die Programmusik des Barock (im Streichquartett "Almos four seasons") und betrachtet die Wiener Klassik Mozarts durch das Objektiv einer zeitgenössischen musikalischen Kamera ("KV 622 II bis" für Klarinette und Tonband). Eines der Werke, das den Geist der Renaissance zeichnet, ist "Garten der Lüste" (Uraufführung durch das ORF-Symphonieorchester unter der Leitung von Leif Segerstam, 1979), in dem Melodien auftauchen, die "echt Renaissance" klingen, jedoch aus der Feder Rechberger stammen und sich in einem Netz von expressiven Klangfarben zu behaupten versuchen. "Venezia" (1985) für grosses Orchester, bringt Tonbandaufnahmen von Plätzen und Strassen der italienischen Stadt in den Konzertsaal, integriert Strassenmusiker, eine Karnevalgruppe in die Orchesterstruktur. Der zweite und dritte von den fünf Sätzen werden gleichzeitig gespielt und verkörpern zwei verschiedene Inseln im brackigen Wasser der Lagunenstadt, während im letzte Satz verschiedenste Musiken sich zu einem Lebensfreude berstenden Karneval vereinigen. Nachkomponierte Renaissancemelodien sind auch in "La tentation de St. Antoine und "La nave dei pazzi" zu hören. Die umfangreichste Studie des Musiklebens aus dem 16.Jh. hat Rechberger in seinem radiophonischen Werk "Magnus Cordius" (1985) betrieben. Dies ist ein Pseudodokument eines erfundenen Charakters des 16.Jh., des finnischen Lautenisten, Komponisten und unverstandenen Genies Magnus Cordius, der kreuz und quer durch Europa reist. Cordius' Kompositionen sind seiner Zeit voraus und stammen natürlich aus der Feder Rechbergers und verfliessen mit originaler Musik der Renaissance. In der erfundenen Geschichte dieser Figur sagt Rechberger tiefgreifende Dinge über unsere eigene Zeit. In den letzteren Jahren (ab 1994) hat Rechberger eine neue Inspirationsquelle gefunden. Er hat sich (und tut es noch immer!) mit orientalischer Musik beschäftigt und die sonoren Möglichkeiten der Schlaginstrumente, hauptsächlich der arabischen Darabuka und des Req (Schellentrommel) aber auch der indischen Tabla und der verschiedensten Rahmentrommeln untersucht. Rechberger ist ein grosser Bewunderer der arabischen klassischen Musik und die Früchte dieser Affektion spiegeln sich in "Assahra" (Sahara, 1996) für Akkordeotrio, "Albahr" (Das Meer, 1997) für Cello, Darabuka und Tonband, "Incantations" (1996) für zwei Trommler, sowie dem Cellokonzert "Kahraba" (Elektrizität, 1996) wider. Kahraba ist ein Auftragswerk des Kairoer Symphonieorchesters (Uraufführung 8.12.1997, Munir Bakieh, cello, Rechberger, Darabuka, Leitung: Mustafa Nagi). Auch das Werk "Karadeniz" für Akkordeontrio stammt aus dieser Periode. Rechbergers Vorliebe für das rhythmische Element ist schon in früheren Werken zu finden, so z.B. im minimalistischen "Kata" für 6 Schlagzeuger und "Tympanon" für 2x5 Tamburine und Kuhglocken. Seit 1997 beschäftigt sich Rechberger auch mit der Improvisationstechnik des Azerbaidschanischen Mugham. Im Frühjahr 2003 und 2004 (zusammen fünf Monate) besuchte Rechberger Benin in Westafrika um seine Studien in rhythmischer Analyse zu vertiefen. Er studierte auch Djembe und andere westafrikanische Schlaginstrumente und spielte in der Gruppe "Africa Biya" geleitet von Alfa Kaza sowie in der Gruppe Gong Jazz. Dieser Aufenthalt resultierte in zwei Kompositionen: "Voix des Ancêtres" ( Stimmen der Ahnen) nach einem vom Komponisten verfassten Poem, sowie "Mono" ein breit angelegtes Djembe solo. | |